Das Problem ist die „Zeit“. Nicht die Zeit an sich. Ohne Zeit gäbe es schließlich keine Entwicklung. Das Problem ist das Bewusstsein des Menschen über Zeit. Wie komme ich darauf? Ich habe es gelesen.

Eigentlich lese ich nicht mehr sehr viel. Und wenn ich dann lese, dann in der Regel nur Fachliteratur und alles im Umkreis dazu wie beispielsweise Planet der Algorithmen von Sebastian Stiller, das ich aber zu flach finde. Mein Problem mit dem Buch ist, dass ich Algorithmen-Bücher ohne Praxisteil (Malen, Rechnen, Sortieren, Programmieren,…) immer langweilig finde. Ich bin halt Praktiker. Aber es gibt eine schöne Idee zur Funktionsweise des Dijkstra-Algorithmus. Durch geschicktes anheben einer Knotenschnur, die den entsprechenden Graphen darstellt, wird quasi automatisch der Algorithmus ausgeführt.

Ab und an lese ich auch mal Geschichten. Aber das kommt eher seltener vor. Das zweite ROBERT SHECKLEY Buch, von dem ich in irgendeinem Blogbeitrag eines Kollegen las, ist da eine Ausnahme. Leider habe ich aber vergessen, auf welchem Blog ich etwas über das Buch las und weiß nun nicht mehr, warum ich das Buch gekauft habe. Aber auch so waren die Geschichten ausnahmsweise wirklich großartig. Sie erinnerten mich stark an die Kurzgeschichten von Isaac Asimov, den ich sehr verehre – und das nicht nur wegen seiner Robotergesetze, sondern wegen der Tatsache, dass er eigentlich Biochemiker war. Es sind einfach noch diese klassischen Kurzgeschichten aus einer Zeit in der noch richtig groß geträumt wurde und alles möglich erschien. Und darüber wird dann philosophiert. Diesen „Alles ist möglich“-Zauber ist etwas, das ich ein wenig vermisse.

Das Buch von Gerhard von Kapff „Abenteuer für Vater und Sohn“ kann ich nur empfehlen. Es greift die Idee meines letzten Beitrags auf, den Kindern einfach mehr Entdeckungsmomente für ihren Charakterraum zu geben. Man muss ja nicht alles nachmachen. Aber das angesprochene Gleitschirmfliegen kann ich natürlich nur empfehlen. Gerade bei der im Buch angesprochenen Gleitschirmschule.

Erkennen von Zeit

Jetzt aber zurück zum eigentlich Thema, das ich durch das Buch Natural born chillers von Maren Andeck kennengelernt habe. Beim Titel assoziierte ich noch die heutige Jugend, doch der Klappentext deutete an, dass es das richtige Mitbringsel für zu Hause ist. Es geht um drei Frauen, die zusammen was neues auf die Beine stellen wollen. IMG_5811

Während des Verlaufs der Geschichte setzten sich die drei Hauptakteurinnen auch mit dem im Moment aktuellen Thema Paleo(-Ernährung) auseinander (es gibt auch ein Rezept für Steinzeitbrot), dass dann aber auf einmal weg von der Ernährung geht und philosophischer wird. Das ganze geht dann irgendwie so (Gedächtnisprotokoll, da das Buch sofort weiter verliehen wurde und ich nicht mehr nachschauen kann):

Steinzeitmenschen sind mit der Sonne aufgestanden und wenn es dunkel wurde, haben sie sich schlafen gelegt. Eventuell haben sie noch ein wenig am Feuer gechillt und Geschichten erzählt oder gesungen. Tagsüber wurde gearbeitet. Entweder wurden Speerspitzen und Pfeile gebaut, oder es wurde gesammelt bzw. gejagt. War genügend da, wurde Pause gemacht, gedöst, geschlafen.

Aber vor allem: Wenn es nichts zu tun gab, wurde auch nichts gemacht.

Wenn ich das mit einem heutigen Tag vergleiche, dann ist es kein Wunder, dass so viele gestresst sind.

Wir stehen vor Sonnenaufgang auf, weil der Wecker klingelt. Frühstücken, schauen dabei auf die Uhr, um pünktlich aus dem Haus zu kommen. Als Lehrer verbringt man dann den Tag im 45 Minuten Rhythmus, als normaler Angestellter plant man eher im 90 Minuten Rhythmus von Termin zu Termin.

Noch während des schnell eingeworfenen Mittagessens werfen wir einen Blick auf die Uhr und planen wie der Tag weitergeht. Später am Tag geht es dann 15 Minuten jagen im Supermarkt. Und Abends liegen wir erschossen vor den digitalen Geräten, arbeiten weiter, denken an morgen oder schauen planlos irgendwelche Filmchen. Vom gemeinsamen Chillen keine Spur mehr.

Ich denke, dass das Problem klar geworden ist. Früher hat man, vereinfacht gesagt, nur auf den Moment geschaut. Heute schaut man nur noch auf die Uhr bzw. das Handy. Plant, hofft erwartungsvoll, dass die Unterrichtsstunde bald vorbei ist oder die aktuelle Konferenz, denkt an das, was morgen ansteht. Und selbst ohne Uhr ist es schwierig, ist doch unsere ganze Gesellschaft auf das Morgen ausgerichtet:

Was willst du mal werden?

Was wünschst du dir zu Weihnachten?

Wo sollen wir in den Urlaub hinfahren?

Was sollen wir diese Woche zu Essen einkaufen?

Welche Prüfungen schreibst du?

Aber nicht nur beim Planen der Zukunft legen wir den Fokus weg vom Moment. Wie oft habe ich von meinen Schülern schon gehört: „Wenn ich nur mehr Zeit gehabt hätte. Ich konnte doch eigentlich alles.“ Und manchmal stimmte es auch. Aber es sind halt Leistungsproben (Physik: Leistung = Arbeit pro Zeit). Und wer die gleiche Arbeit in kürzerer Zeit bewältigt hat, auch mehr geleistet und bekommt in diesem Fall die bessere Note. Wäre das nicht der Fall, müsste sich ja keiner mehr anstrengen.

Noch mehr Druck bauen dann Bücher auf wie „5 Dinge, die Sterbende bereuen“. Hier wird einem dann noch ständig die Endlichkeit des Lebens unter die Nase gerieben und was man alles tun soll, um „glücklich und zufrieden zu sterben.“ Frei nach der Melodie: Das Leben ist auch Leistung. Gewonnen hat, wer mehr Leben pro Lebenszeit abgearbeitet hat.

Aber so stimmt es halt nicht. Zum einen gibt es keinen Schiedsrichter am Ende. (Ich weiß, manche sehen das anders. Und vielleicht ist das auch so. Aber das wäre ein anderes Thema, welches beispielsweise in der Serie „Der Tatortreiniger – Anbieterwechsel“ diskutiert wird.) Und zum anderen weiß man ja auch nicht, wieviel Zeit man zur Verfügung hat. Und aus der suggerierten Angst vor der Endlichkeit des eigenen Lebens quetscht man alle möglichen Aktivitäten rein und ist dann schnell ausgepowert. Vor allem weil ja noch erschwerend hinzukommt, dass man nicht weiß, ob man wirklich die richtigen Sachen gemacht hat.

Die wahren Meister

Junge Kinder, Kindergartenkinder, haben all diese Probleme auch nicht. Sie spielen selbstvergessen ihre Spiele und merken dabei teilweise nicht mal, dass sie schon längst aufs Klo müssen. Wenn Sie Hunger haben, essen sie. Wenn sie müde sind, legen sie sich auch mal einfach irgendwo hin und schlafen.

Und warum können Kindergartenkinder das? Weil sie noch kein Gefühl für Zeit haben. Sie wissen nicht, was 45 Minuten sind. Mit Sätzen wie „In einer Woche kannst du ja wieder …..“ können sie nichts anfangen, da für sie mit „1 Woche“ nichts anfangen können. Und dass das Leben endlich ist, ist ihnen genauso wenig gegenwärtig wie Stress.

Meine Schlussfolgerung

Durch das Buch angeregt, möchte ich daher öfters mal versuchen so richtig zu chillen. Einfach mal nichts zu tun, wenn es auch nichts zu tun gibt und mir nicht gleich zu überlegen, was ich noch schnell machen könnte. Das schließt youtuben und Hobbies nachgehen mit ein. Einfach mal in die Lehrerküche setzen. Oder rausfahren und einfach in die Weite schauen oder spazieren gehen. Oder auf dem Sofa liegen und Gedanken-Zapping betreiben. Kein „Das könnte ich noch schnell kopieren / aufräumen / vorbereiten“. Kein „Für morgen muss ich noch dies oder jenes machen“. Denn all das kann ich ja auch noch später machen. Und wenn nicht, dann ist das meistens auch nicht so schlimm.