In zwei Wochen fängt die Schule in Bayern wieder an und in ungefähr drei Wochen sehe ich zum ersten Mal die Teilnehmer meines neuen P-Seminars: „Informatik in Filmen – Produktion eines gesellschaftskritischen Kurzfilmes“.

Das Ziel des P-Seminars ist aus Sicht des KMs, dass die Schüler neben Projektmanagement sich vor allem über Berufe orientieren und ihre Selbst- und Sozialkompetenzen verbessern. Ein Ziel, das gar nicht so einfach zu realisieren ist, wenn man auf die Frage „Was möchtest du später mal machen?“ die Antwort bekommt: „Keine Ahnung.“ Meist verlaufen die Gespräche dann ungefähr so weiter:

„Aber du musst doch irgendwas vorhaben nach der Schule?“

„Nein, nicht wirklich.“

„Was interessiert dich denn?“

„Nichts.“

„Was machst du denn in deiner Freizeit?“

„youtube schauen und mich mit Freunden treffen.“

„Und was macht ihr dann zusammen?“

„Filme schauen“

„Hast du denn keine Hobbies? Sport oder lesen?“

„Nö, Hobbies hab ich eigentlich keine.“

Ich sitze dann meist ratlos solchen Jugendlichen gegenüber und denke mir: Das kann doch nicht sein! Er hat alle Möglichkeiten vor sich und weiß nichts damit anzufangen außer youtube zu schauen? Wie soll er jemals eine befriedigende Arbeit finden? Etwas, das ihn befriedigt, glücklich macht?

Das es das Überangebot an Berufsbildern nicht gerade einfacher macht, man denke da z.B. nur an die vielen einzelnen Studiengänge im Fach Informatik, ist da noch das geringste Problem. Eine Entscheidung wie „Irgendwas mit Computern“ fände ich da schon ganz hilfreich, aber nicht einmal solche Aussagen hört man dann. Woran kann das liegen?

Fehlende Grenzerfahrung & der Charakterraum

In meinen Augen liegt das vor allem daran, dass die Kinder immer mehr behütet, kontrolliert und vorgeplant aufwachsen. Man denke da nur an die viel genannten Helikoptereltern, die ihre Schützlinge immer überwachen und den sogenannten Curling-Eltern, die ihren Schützlingen alle Probleme vorausschauend schon aus dem Weg räumen. Wie sollen die Kinder jemals sich selbst und ihre Fähigkeiten kennenlernen? Wie sollen die Kinder an Problemen wachsen, wenn es keine Probleme mehr zum Wachsen gibt?

Um diese Situation zu veranschaulichen, habe ich für mich folgendes Bild geschaffen: Kinder und Jugendliche, aber auch viele Erwachsene, sind wie Blinde, die in einem ihnen unbekannten Raum stehen, denn sie nur durch Ertasten erkennen können. Dabei geht es nicht nur darum zu erkennen, wie die Oberfläche ist und das da überhaupt eine Wand ist. Es geht auch um die räumliche Anordnung der Anordnung. Und dann sind die Wände vielleicht auch noch krumm und schief und der Boden ist ebenfalls uneben. Mal kalt, mal mit Teppich, mal wie ein Strand.

Diesen Raum nenne ich Charakterraum. Ein Raum, der den Charakter des jeweiligen Menschen widerspiegelt. Daher ist dieser Raum bei jedem Menschen anders. Manche Räume sind sehr verwinkelt, haben Ausbeulungen an den Wänden und andere haben ganz gerade, glatte Wände ohne Hindernisse.

Um meinen Charakterraum nun kennenzulernen, benötige ich klares, deutliches Feedback. Wenn aber immer alle Hindernisse in diesem Raum weggeräumt werden und die Wände gepolstert, damit man sich nicht stößt, dann wird der Suchende niemals ein klaren Eindruck von seinem eignen Charakterraum bekommen. Nie wissen, was es kann und was nicht. Frustriert setzt sich dann der Suchende dann irgendwann einfach in die Mitte des Raums auf den Boden und schaut youtube. Ich kann es ihm nicht verdenken.

Ich möchte hier nun keinesfalls dazu anregen, alle Vorsicht fahren zu lassen und die Kinder einfach machen zu lassen. Ich möchte dazu anregen bzw. bitten, dass vor allem Eltern, aber auch wir Lehrer, sich Gedanken darüber machen sollten, wie Schüler mit Freude und Begeisterung ihren Charakterraum entdecken könnten.

Anregungen

Hierzu zwei grundsätzliche Anregungen, wie man Kinder vielleicht anschubsen kann, sich selbst und ihren Charakteraum zu entdecken:

  1. Gestalten der Umwelt so, dass Neues entdeckt wird.
  2. Klares und deutliches Feedback geben
  3. Geben eines Vorbild durch Vormachen

Gestaltung der Umwelt und Feedback

Der erste Teil kann beispielsweise durch Urlaube umgesetzt werden. Dazu muss man nicht gleich weit fahren und auf wilde Berge wandern o.ä. Das Abenteuer ist auch bei uns vor der Haustür: Man kann im Garten übernachten, oder einfach mal 1 Stunde in eine beliebige Richtung wandern und dort biwaken. Man kann per Zufall in ein Restaurant gehen oder ein Rezept aussuchen und sich einfach mal überraschen lassen. Man kann auch einfach mal einen Schnupperkurs für eine Sportart ausprobieren. So wie mein Sohn das Windsurfen ausprobieren durfte. Es ist  zwar nicht seins, aber einen tollen Tag hatten wir dennoch zusammen. Und er weiß nun, dass er zwar gerne IM Wasser ist, aber nicht darauf.

Für uns Lehrer ist das Gestalten der Umwelt eine alltägliche Aufgabe, genauso wie das Feedback geben. Denn Unterricht ist im weitesten Sinn nichts anderes, als den (Unterrichts-)Raum so zu gestalten, dass die Schüler etwas Neues lernen können. Das können so simple Dinge sein wie Gespräche und Tafelbilder oder Arbeitsblätter. Es können aber auch Lerntheken sein, Gruppenarbeiten, Ausflüge etc. Wichtig ist dann aber das Feedback, wie ja auch Hattie in seiner Studie herausgefunden hat. Dabei muss Feedback nicht gleich Note sein, kann es aber sein. Viel wichtiger wäre ein Feedback, das die Verhaltensweise des Lerners mit einbezieht. Und damit das nicht am Ende einer Unterrichtsstunde vielleicht komisch wirkt, kann man schon während den Arbeitsphasen Feedback geben.

Vorbildfunktion

Der zweite Ansatz ist vielleicht nicht so leicht, wenn man nicht selbst gerne was neues ausprobiert. Aber auch hier kann man das Ausprobieren vorleben, in dem man einfach mal etwas tut, was man sonst nicht macht: Ein anderes Ausflugsziel wählen. Vielleicht campen gehen, obwohl man es nicht unbedingt mag. Eine anderen Kuchen ausprobieren, anstatt immer Marmorkuchen zu backen. Man kann mal mit dem Bus zu Arbeit fahren oder mit dem Fahrrad.

Ich für meinen Teil sehe mich ganz gerne als Abenteurer in meinem Charakterraum. Die äußere Welt ist da nur Hilfsmittel. Ich liebe es, meine Wände zu ertasten, neue Unebenheiten oder Oberflächen zu erfahren und zu entdecken, was sich alles in meinem Charakterraum befindet.

Das führte in diesen Ferien dazu, dass ich einen weiteren Apnoetauchkurs machte und meine neue maximale Tiefe nun bei schon mal -15m liegt. Ein tolles Gefühl, so tief unten zu sein und die Ruhe und Stille zu genießen. Und noch viel schöner, wenn man diese Freude mit anderen Teilnehmern teilen kann. Denn das Erzählen über die neuen Erfahrungen gehört unbedingt mit dazu, denn auch hier erfärt man Feedback und lernt sich selbst besser kennen.

Nach dem Windsurfkurs bin ich dann mit meinem Sohn dann auch kurzer Hand Schnorcheln gegangen und wir entdeckten dabei nicht nur unseren Charakterraum weiter, sondern sahen auch eine tolle Unterwasserwelt mit Karpfen, Hechten und Aalen.

Hecht

Hecht

Karpfen

Karpfen

 

Abschließend hatte ich dann noch die Chance mit einem Freund in einem Ultraleicht-Flugzeug mitzufliegen. Ein tolles Erlebnis, das ich auch nie vergessen werde. Wir flogen von Jesenwang aus zu unserer Schule und wieder zurück.

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Und als ich selbst mal Steuern durfte, war ich überrascht, wie sensibel so ein Flugzeug ist. Aber nicht nur das Flugzeug ist sensibel. Mein Magen ist es wohl auch und dieser war froh,  als wir nach einer Stunde wieder gelandet sind. Mein Kopf wäre gerne länger geflogen.

Aber wie sagte schon Emil Zatopek:

„Vogel fliegt, Fisch schwimmt, Mensch läuft.“

Ich für meinen Teil musste erkennen, dass das Fliegen, auch wenn es das Unglaublichste ist, was man machen kann, kein Teil meines Charakterraums ist und wenn ich es noch so erzwingen möchte. Aber zumindest kenne ich nun die Zimmerhöhe meines Charakterraums: -45ft (eventuell später auch mal mehr) bis +3000ft. Und dass ich unheimlich gerne laufe. Und deswegen mache ich mich auch gleich wieder auf den Weg. Denn nur wer dran bleibt, kann auch was erreichen, wie Malcolm Gladwell in seiner 10.000-Stunden Regel darstellte.