Lehrzeit

Schule & Informatik

Monat: Juli 2014

Ich wusste, dass ich recht hatte!

(Heißt es eigentlich „Recht haben“ oder „recht haben“ – ich werde mich an die Rechtschreibreform genauso wenig gewöhnen, wie an diese vermaledeite (Und wie schreibt sich das eigentlich; darf ich jetzt einfach nach Gehör schreiben?) vereinfachte Ausgangsschrift.)

Was ich eigentlich schreiben wollte: Heute steht im Panorama-Teil der SZ ein Artikel über eine Lehrerfortbildung von Günther Grass, da seine Novelle „Im Krebsgang“ im kommenden Jahr im Abitur in Schleswig-Holstein drankommen kann. Er selbst hat wohl kriegbedingt kein Abitur machen können.

Wichtigstes Zitat:

„Ich habe immer Mitleid mit Schülern gehabt“, sagt der Autor. Und er hoffe, dass die heutigen Lehrer wissen, dass „es nicht die einizig richtige Interpretation eines Textes gibt“. Sondern Tausende. Jeder Interpretationsversuch eines Lehrers verführe die Schüler zum Opportunismus, dazu, sich den Ideen des Lehrers anzuschließen, anstatt eigene zu finden.

Gut, ich habe nie die Meinung meines Lehrers geteilt, was die Interpretation eines Textes anbelangte. Meist fand ich die Interpretation total überzogen und nicht nachvollziehbar. Nicht, dass ich großartig neue Interpretationen gefunden hätte. Aber manchmal habe ich so gedacht (und blöderweise auch so im Unterricht kommuniziert), dass der Autor einfach nur diesen oder jeden Aspekt des Lebens darstellen und das ganze in eine spannenden, fesselnde oder auch mal bewusst langweilige Geschichte packen wollte.

Mein Lehrer hat dann immer nur mit der Sekundärliteratur gewedelt und dann kam sein Argument: Du Schüler, ich Lehrer – du „Keine Ahnung“ und ich „Sekundärliteratur und Studium“. Und fertig war die nächste schlechte Note.

So habe ich quasi die späte Genugtuung, dass ich doch auch Recht hatte – zumindest interpretiere ich den Artikel so. Aber ich bin ja in der Beziehung auch „nur Schüler“.

Lernen oder Film schauen?

Das Schuljahr nähert sich dem Ende und kaum ist die letzte Note heute gemacht worden, kommt der laute Schrei nach „Schauen wir jetzt noch einen Fiiiiiiiiilm? Es lohnt sich doch eh nicht mehr was Neues zu machen!“

Ich verstehe es nicht – meine Kinder sitzen zu Hause und jammern: „Wir schauen nur noch Filme in Französisch und Geschichte“, „In Biologie sind wir jetzt schon mit dem Stoff durch und wiederholen nur noch – das ist sooooo langweilig!“

Ähhhhhhh? Wie kriege ich diese beiden Aussagen von Schülern zusammen? Wollen Sie jetzt Unterricht oder Film schauen oder vielleicht weder noch?

Wieso schaffen es Elftklässler eigentlich nicht einmal, innerhalb eines Schuljahres ein Schwimmfest auf die Beine zu stellen? Statt dessen muss der Lehrer des P-Seminars die Arbeit größtenteils alleine übernehmen. Aber wehe, man sagt dann als Lehrer was! Da kommen die Eltern dann gleich in Ihrem Beruf als Rechtsanwalt und wedeln mit Paragrafen um sich.

Warum ich das alles sage? Und wo die Gemeinsamkeit ist? Im Vergleich zu den letzten x Jahren werden die Schüler immer mehr Lust gesteuert.

Unterricht macht keinen Spaß,
dann lieber Film schauen!

Wiederholen ist langweilig,
dann lieber Unterricht!

Was aber vergessen wird, ist, dass erst durch Anstrengung Spaß entsteht. Erst wenn ich mich Bemühen muss, es nicht von alleine geht, es aber dann funktioniert, kommt dieses Gefühl „Wow, das war super; das hat mir was gegeben. Ich was neues kennengelernt, meinen Horizont erweitert.“

Solche Effekte kosten aber Zeit und dazu ist in unserem Schulsystem leider kein Raum mehr. Deswegen wundert es mich, dass so wenig Leute (momentan 0,5%) ihre Unterschrift für das Volksbegehren G8/G9 abgegeben haben.

Aber das Langeweile krank macht, wurde erst vor kurzem in einem amerikanischen Experiment festgestellt: Anstatt sich 15 Minuten sich mit seinen eigenen Gedanken auseinanderzusetzen, hat sich ein Teilnehmer lieber 190 Stromstöße selbst gegeben!?

Statt Stromstößen gibt es wohl dann lieber Filme.

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